So grausam kann Volleyball sein!
VfB Suhl verliert ein packendes Spitzenspiel in Stuttgart mit 1:3 – und zeigt dennoch eindrucksvoll, warum mit dem Deutschen Meister weiterhin zu rechnen ist.
Manchmal liegen Triumph und Enttäuschung im Volleyball nur wenige Ballwechsel auseinander. Manchmal entscheidet ein einziger Moment darüber, ob eine Mannschaft jubelt oder fassungslos auf das Spielfeld blickt. Und manchmal erzählt das nackte Ergebnis nur die halbe Wahrheit. Genau das erlebten die Volleyballerinnen des VfB Suhl LOTTO Thüringen beim Bundesliga-Spitzenspiel gegen Allianz MTV Stuttgart. Nach vier umkämpften Sätzen mussten sich die Thüringerinnen mit 1:3 (15:25, 23:25, 25:15, 24:26) geschlagen geben. Doch wer dieses Spiel gesehen hat, weiß: Hier war deutlich mehr möglich.
Ein Auftakt zum Vergessen
Dabei begann der Abend für den amtierenden Deutschen Meister alles andere als verheißungsvoll. Was war nur mit den Suhlerinnen los? Die Mannschaft wirkte ungewohnt nervös, unsicher und fand zunächst überhaupt keinen Rhythmus.
Vor allem die Annahme, normalerweise eine wichtige Grundlage des Suhler Spiels, bereitete erhebliche Probleme. Hinzu kamen ungenaue Angriffe, verschlagene Aufschläge und eine Fehlerquote, die man vom Double-Gewinner der vergangenen Saison in dieser Häufigkeit kaum kannte.
Stuttgart hingegen präsentierte sich von Beginn an hellwach. Die Gastgeberinnen nutzten nahezu jede Unsicherheit konsequent aus und setzten die Thüringerinnen mit druckvollen Aktionen immer wieder unter Zugzwang.
Beim Zwischenstand von 8:17 hatte VfB-Trainer Laszlo Hollosy bereits seine zweite Auszeit genommen. Doch auch seine deutlichen Worte konnten den ersten Satz nicht mehr retten. Mit 15:25 ging dieser überraschend klar verloren.
War der VfB Suhl an diesem Abend tatsächlich nicht konkurrenzfähig? War der Gegner zu stark? Oder brauchte die neu formierte Mannschaft einfach etwas länger, um in diesem Spitzenspiel anzukommen?
Plötzlich ein Duell auf Augenhöhe
Auch der zweite Durchgang begann wenig ermutigend. Stuttgart zog schnell auf 7:2 davon. Doch dann geschah etwas Entscheidendes: Die Suhlerinnen fanden ihren Kampfgeist wieder.
Mit jeder gelungenen Aktion wuchs das Selbstvertrauen. Die Annahme stabilisierte sich, die Angriffe wurden präziser und auch in der Feldabwehr zeigte sich zunehmend jene Entschlossenheit, die den VfB in der vergangenen Saison ausgezeichnet hatte.
Die Einwechslungen von Nina Dreisigova und Emma Boyd brachten zusätzliche Impulse. Roosa Laakkonen übernahm Verantwortung und führte ihre Mannschaft zurück ins Spiel.
Beim 13:13 war der Ausgleich geschafft. Plötzlich entwickelte sich vor mehr als 2.100 Zuschauern in der Stuttgarter SCHARRena ein völlig anderes Spiel.
Jetzt begegneten sich beide Mannschaften auf Augenhöhe. Jeder Punkt wurde hart erkämpft, lange Ballwechsel begeisterten die Zuschauer, und die mitgereisten Suhler Fans machten lautstark auf sich aufmerksam.
Als die Thüringerinnen schließlich mit 23:22 führten, schien der Satzausgleich zum Greifen nah.
Doch dann folgte der erste bittere Moment dieses Abends. Drei Punkte in Folge gingen an Stuttgart. Aus einer verheißungsvollen Führung wurde innerhalb weniger Augenblicke eine 23:25-Niederlage.
Statt 1:1 stand es plötzlich 0:2.
Ein dritter Satz wie ein Ausrufezeichen
Wer nun glaubte, die Suhlerinnen würden sich ihrem Schicksal ergeben, hatte die Rechnung ohne den Kampfgeist dieser Mannschaft gemacht.
Was der VfB im dritten Satz zeigte, war beeindruckend. Es war nicht nur eine Reaktion auf die beiden verlorenen Durchgänge. Es war eine Demonstration dessen, was in dieser Mannschaft steckt.
Nach ausgeglichenem Beginn übernahmen die Thüringerinnen vollständig die Kontrolle. Lucia Herdova setzte Stuttgart mit einer starken Aufschlagserie unter Druck. Svea Naujak überzeugte mit wirkungsvollen Angriffen, während Roosa Laakkonen immer wieder wichtige Akzente setzte.
Aus einem knappen 7:6 wurde eine sensationelle 20:9-Führung!
Die zuvor so souveränen Gastgeberinnen fanden kaum noch Antworten. Auf den Rängen der SCHARRena wurde es merklich ruhiger. Dafür feierten die mitgereisten Suhler Anhänger jeden erfolgreichen Ballwechsel umso ausgelassener.
Mit 25:15 gewann der VfB diesen Durchgang ebenso deutlich, wie er den ersten verloren hatte.
Dieser Satz war mehr als nur Ergebniskosmetik. Er war eine Kampfansage an einen der stärksten Konkurrenten um die Deutsche Meisterschaft.
Suhl hatte bewiesen, dass man Stuttgart nicht nur ärgern, sondern auch spielerisch dominieren kann.
Wenn Volleyball plötzlich brutal wird
Der vierte Satz entwickelte sich schließlich zu einem echten Volleyball-Krimi.
Stuttgart setzte sich zwischenzeitlich auf 14:10 ab, doch die Thüringerinnen kämpften sich erneut zurück. Beim 21:21 war alles offen. Dann gelangen dem VfB zwei wichtige Punkte.
23:21 für Suhl!
Nur noch zwei erfolgreiche Ballwechsel fehlten zum Satzgewinn und damit zum Tiebreak. Mindestens ein Tabellenpunkt schien zum Greifen nah.
Doch erneut nahm das Schicksal eine bittere Wendung.
Zwei unglückliche Annahmeaktionen brachten Stuttgart zurück. Zwar konnte Roosa Laakkonen beim 24:24 noch einen Matchball abwehren, doch schließlich entschieden Lydia Grote und Leilanie Slacanin mit ihren Aktionen die Partie zugunsten der Gastgeberinnen.
26:24. Spielende. Enttäuschung.
So unberechenbar und brutal kann Volleyball sein!
Zweimal hatten die Suhlerinnen einen Satzgewinn unmittelbar vor Augen. Im zweiten Durchgang beim 23:22, im vierten sogar beim 23:21. Zweimal fehlte nur noch ein kleines Stück zum Erfolg.
Doch der berühmte Sack wollte einfach nicht zugehen.
Gerade darin lag der schmerzhafte Unterschied zur vergangenen Saison. Damals hatte der VfB in entscheidenden Momenten häufig jene Nervenstärke bewiesen, die große Mannschaften auszeichnet.
Man denke nur an das dramatische Pokalendspiel gegen Stuttgart oder an die nervenaufreibende Begegnung beim USC Münster. Damals gelang es den Thüringerinnen, auch unter größtem Druck die entscheidenden Punkte zu erzielen.
Diesmal war es anders.
Und genau deshalb schmerzt diese Niederlage besonders.
Diskussionen um die Regelauslegung
Für zusätzliche Emotionen sorgten die Entscheidungen des Schiedsrichtergespanns.
Im Mittelpunkt standen sogenannte Tips – kurze, platzierte Angriffsaktionen, bei denen der Ball mit den Fingerspitzen gespielt wird. Dabei darf der Ball nicht gehalten oder geführt werden. Diese Regel ist nicht grundsätzlich neu, ihre Auslegung sorgt jedoch auch in der laufenden Saison für Diskussionen.
VfB-Trainer Laszlo Hollosy kritisierte insbesondere, dass vergleichbare Aktionen beider Mannschaften unterschiedlich bewertet worden seien.
Sein Unmut war während der Begegnung unübersehbar. Nach einer Gelben Karte erhielt der temperamentvolle Trainer schließlich auch die Rote Karte, was Stuttgart einen zusätzlichen Punkt einbrachte.
Nach Spielende erkannte Hollosy den Stuttgarter Sieg ausdrücklich an, kritisierte jedoch die aus seiner Sicht uneinheitliche Regelauslegung. Gerade bei Begegnungen auf diesem Niveau müsse eine konsequente und faire Bewertung gewährleistet sein.
Eine Diskussion, die sicherlich noch nicht beendet ist.
Eine Niederlage, die trotzdem Mut macht
Nach 13 Pflichtspielsiegen in Folge musste der VfB Suhl erstmals wieder eine Niederlage hinnehmen. Und auch im 23. Bundesliga-Auswärtsspiel in Stuttgart blieb den Thüringerinnen ein Sieg verwehrt.
Doch diese Partie sollte keinesfalls nur am Ergebnis gemessen werden.
Nach einem schwachen ersten Satz zeigte der Deutsche Meister eine bemerkenswerte Entwicklung. Die Mannschaft fand zurück zu ihrem Spiel, kämpfte sich gegen einen hochklassigen Gegner zurück und bewies im dritten Durchgang eindrucksvoll ihre Leistungsfähigkeit.
Besonders bitter bleibt, dass ein fünfter Satz durchaus möglich gewesen wäre.
Vielleicht fehlte in den entscheidenden Augenblicken ein wenig Glück. Vielleicht auch jene letzte Konsequenz, die in der vergangenen Saison so häufig den Unterschied ausgemacht hatte.
Aber eines hat dieser Volleyballabend in Stuttgart deutlich gezeigt:
Der VfB Suhl ist auch in dieser Saison eine Mannschaft, mit der die Konkurrenz rechnen muss.
Denn wahre Stärke zeigt sich nicht nur in Siegen. Sie zeigt sich auch darin, wie eine Mannschaft mit Rückschlägen umgeht, sich aus schwierigen Situationen befreit und niemals aufgibt.
Und genau das haben die Thüringerinnen in Stuttgart eindrucksvoll bewiesen.
Der nächste große Erfolg wird kommen. Vielleicht schon beim nächsten Spitzenspiel.